Sonntag, 23. Juni 2019

Kurz nachgedenkt


Es ist doch seltsam, man rutscht da irgendwie komplett rein, sozusagen seit Jahren, ohne, dass einem das großartig bewusst wäre, spätestens seit MySpace. Der Gedanke, "social Networking" mit Popmusik im Internet zu verbinden ist jetzt nicht wirklich neu, aber doch sehe ich da mehr Unheil als Chancen.


Warum z.B. kann es auch bei Bandcamp nicht so sein, wie in einem Plattenladen, dass man sich einfach nur durch mehrere Genre wühlen kann, ohne sich mit den Leuten darunter (den Followern) oder der Band zwangsläufig auseinandersetzen zu müssen? Nichts gegen die Menschen dahinter, aber nehmen wir doch mal an, du kaufst dir online eine Unterhose, da willst du dich doch auch nicht unbedingt mit anderen "Usern", "Händlern", "Produzenten" rumstreiten müssen, warum du dich gerade für die billige Massenware und nicht für das "Fairtrade"-Produkt entschieden hast. Und sowieso, wen geht mein Konsumverhalten eigentlich was an? 

Die Bands vielleicht, ja, bzw. ich will, dass sie wahrnehmen, dass ich sie wahrnehme und andere deswegen vielleicht auch, aber selbst die können nicht unbedingt frei entscheiden, ob ich jetzt z.B. mit diesem Kack-Blog gleich als zweites Suchergebnis nach der Homepage von ihnen erscheine, bzw. können sie aber dafür brauch es wohl ein wenig Fachwissen und manchen tropft vielleicht alleine schon deswegen der Sabber von der Backe, sozusagen ein ganz krasser "Influencer" oder "Gamer" zu sein. 

Und wenn ich einen beschissenen Tag hatte, irgendwelchen Mist schreibe, der eher in ein Tagebuch gehören sollte, ist u.U. für die Band halt der Karren im Dreck und für mich auch, weil ich dann ihre Follower am Arsch habe. Klar, geht das auch anders, irgendwie anonymer, haptischer. Ich könnte das auch einfach nur drucken, vervielfältigen und auf Konzerten auslegen, garniert mit spannenden Geschichten, Bildchen, Gruppenfotos vom Punkrock-Ballermann und und und, aber wenn ich mir Musik reinziehe und irgendwie darüber rumnerden möchte, muss das eigentlich nicht jeder mitbekommen haben, sondern in erster Linie Leute, die mich kennen, die es wirklich interessiert und die Bands, ja. 

Welchen Nutzen hat das denn noch? Noch ist es so, dass die meisten Bands wirklich touren, Platten pressen lassen, sich freuen in einem Print-Zine zu erscheinen, wirkliche Kontakte knüpfen wollen und nicht in einem paranoiden Gewölle aufgehen wollen oder müssen, in dem die individuellen Befindlichkeiten zwangsläufig unter den Tisch fallen MÜSSEN und deswegen irgendwann eine entsprechende Gaga-Sprache untereinander gesprochen wird. Ich weiß ja nicht. 

Klar, ist es vielleicht schön, das Alles, also die große, kleine Punkrockwelt auf ein Minumum schrumpfen zu lassen, sich irgendwie zu vernetzen usw, aber wenn dieser Aspekt irgendwann in den Vordergrund gerät, dann wird weder der Geschmack der Leute besser, noch ist dir damit geholfen oder sonst irgendwas. Nein, ich glaube, das völlige Gegenteil wird der Fall sein. Die Menschen werden verrohen, so wie auf jeder Online-Konsum-Seite oder beim Computer-Spielen: Es kann nicht genug Blut spritzen, es kann nicht abgefuckt genug sein. Irgendwann reicht der harmlose "Soft Porn"-Scheiß nicht mehr, es muss schon das ekligste "Bukkake-Video" ran und rein um irgendwie noch irgendetwas anzuregen, das auch nur entfernt wirklichen "Emotionen" und "Erfahrungen" nahe kommt.

Noch sind hinter den Profilbildchen Menschen zu finden, die eine reelle Sozialisation in der Musik oder im Punk durchmachten, Leute, die in Bands spielen, die Welt betourten, schon lange Labelarbeit leisten, in DIY-Kontexten sozialisiert wurden, aber gerade diejenigen sind es doch, die an der Scheiße verzweifeln, die irgendwie noch die Ideale, die in subkulturellen oder linken Kontexten erlernt wurden aufrecht erhalten wollen, positive Impulse geben möchten, auch online, und an dieser digitalen Barabarei und diesem völlig unnötigen Rumgecoole und Online-Gepose total verzweifeln, sprach der, der bald vorm Computer verhungern wird.  

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