Donnerstag, 14. März 2019

Kim Chernin - Über die Grenze (Buchtipp)

Ok, ich hab ein bißchen geflunkert, manchmal lese ich -in Ermangelung von Nachschub- ein Buch auch zweimal und gerade dieses hat es mir enorm angetan, weil so Vieles darin zu finden ist, das man einfach fett unterstreichen und als Plakat in mehreren Sprachen drucken möchte. Ich will mich nicht lange darin üben, irgendwie eine treffende Inhaltsangabe zusammen zu holpern, oder gar eine Interpretation. Hier einfach ein Teil aus dem Klappentext und zwei Passagen, die ich besonders gut fand, nicht zuletzt, weil sie die ambivalenten Gefühle der Autorin sehr schön wiedergeben:

"[...]ein faszinierendes Dokument der jüdischen Identitätsfindung, eine Auseinandersetzung mit Weiblichkeit, Sexualität und Homosexualität, nicht zuletzt eine kenntnisreiche, kritische Stellungnahme zur Geschichte Israels und der Kibbuzbewegung."

"Hinter ihnen, auf einem der letzten Sitze, lässt ein Araber das Fenster herunter. Er ruft einem Mann mit einer weißen Kopfbedeckung etwas zu. Seine Sprache klingt musikalisch, mit vielen Is und Vokabeln. Der andere Mann ist auf einem steilen Pfad den Berg hinunter gestiegen. Er geht mit weitausholenden Schritten, rollt auf seinen Zehenspitzen vorwärts, als könnte er mit verbundenen Augen den Berg hinabschreiten. "Tiere", sagt der Mann neben ihr. "Du darfst dich nicht auf dich verlassen, wenn du mit ihnen alleine bist." "Tiere?" "Und wie sollen wir dich nennen? Rassist?" Ihr Ton ist nicht scherzhaft, kaum feindselig. Sie scheint eine Tatsache festzustellen oder vielleicht verwundert sie sich auch nur ernsthaft."


"Kim Chernin hatte im Alter von acht Jahren ihren Frieden mit dem Zionismus geschlossen. (Sie war ein einsames Kind, sie las viel.) Sie brachte dieses Heldenstück zustande, indem sie jenem Impuls nachspürte, der ein Volk aus dem Land treibt, in dem es gelebt hat. 

Kim Chernin hatte ihre eigenen Ansichten über das, was die Geschichte vorwärts treibt. Wenn alte Lebensformen zusammenbrechen, wenn Mensche ihre Heimat verlassen und woanders hinziehen, weil die Reformen aus den frühen Jahren Zar Alexanders gescheitert sind, der Vorwurf des Ritualsmordes wieder erhoben wird, die Polizei untätig daneben steht, wenn Menschen zu Tode geprügelt, Synagogen entweiht und Häuser geplündert und niedergebrannt werden, wenn zwölfjährige Jungen zum Dienst in der Armee getrieben, zu Tode geprügelt oder zur Konversion gezwungen werden, wenn der jüdische Stiefelmacher durch Fabrikstiefel ersetzt wird, der Gastwirt seinen Lebensunterhalt verliert, Menschenmassen in Gebieten zusammengedrängt werden, die durch ein Verwaltungsbeschlüsse auf ein Zehntel ihres ursprünglichen Umfangs geschrumpft sind, wenn die Maigesetze verkündet werden, Juden ihre Städte und Dörfer nicht mehr verlassen und nicht mehr woanders verpachten oder Handel treiben dürfen, wenn das zugewiesene Aufenthaltsgebiet immer überfüllter wird. die Hygieneverhältnisse sich verschlechtern, die Menschen von der Hand in den Mund leben, das Schulsystem zusammenbricht, eine Massenflucht in die Städte einsetzt, aus denen diejenigen, die dorthin geflohen sind, nun vertrieben werden, dann machen die Menschen sich auf den Weg, sie fliehen aus Minsk nach Vilna, von Vilna nach Vitebsk, von dort nach Chernikow, Poltava, Kiew, Moskau, Sankt Petersburg, Berlin, Warschau, Jaffa, New York. 

Zwei Generationen vor Kim Chernin brachen hundertausende Juden aus jenem Teil Russlands, in dem auch ihre Großeltern lebten, in die vereinigten Staaten auf, unter ihnen die Eltern von Kim Chernin s Eltern. Andere schifften sich nach Palästina ein. Kim Chernin wusste dies alles mit acht Jahren auswendig und hielt es nicht für eine Frage von Ideologie oder Klassenkampf."

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