Samstag, 19. Januar 2019

Ein Leben wie in Technicolor - Kurzgeschichte in zwei Teilen



I

„Kennst du dieses Gefühl der Nichtexistenz?“, fragte sie mich und blies sich eine fettige Strähne aus dem Gesicht, welche zurückpendelte und wie eine Spaghetti an ihrem Ausgangspunkt kleben blieb, „das Gefühl, dass vielleicht alles gar nicht real ist, weder der Sessel auf dem ich sitze, noch der Tisch zwischen uns?“

Ihr Blick schweifte kurz auf das ausgefranste Möbelstück, beide Hände ruhten flach neben ihr, sahen irgendwie deplatziert aus, als würden sie nicht zu ihr gehören; zwei unnütze Gegenstände im Raum. Die Sonne leuchtete orange durch das matte Fenster, gebrochen und reflektiert von den leeren Flaschen am Boden, an der Wand ein kleiner Spektral-Regenbogen.
 

„Irgendetwas stimmt nicht,“ fuhr sie fort „dessen bin ich mir sicher. Vielleicht bin ich längst schon gestorben und das ist meine maßgeschneiderte Hölle, meine Isolationshaft, in der sich Wiederholung und Belanglosigkeit die Klinke in die Hand geben. Vielleicht bin ich dazu verdammt, vor einem lachenden Publikum, die selben Fehler immer und immer wieder zu begehen. Vielleicht befinde ich mich auch in einem Paralleluniversum zu meinem eigentlichen Dasein, einem in dem ich die richtigen Entscheidungen im richtigen Moment treffe, beispielsweise einfach in einen haltenden Bus steige, irgendwohin fahre, ausbreche; raus aus dieser Einöde.“ 

Sie klaubte sich eine Zigarette aus der Schachtel, die sie auf die Armlehne gelegt hatte. Das Aufblitzen des Feuerzeugs erhellte für einen kurzen Moment ihr Gesicht, auf dem die Schatten zu tanzen begannen. Die Furchen, die das Leben unter ihre Augen trieb, ließen sie nur noch schöner wirken. Als könnte sie meine Gedanken hören, verdunkelte sich ihre Miene erneut.
„Ich habe keine Angst vor dem Sterben, eher vor dem Leben. Wie in einer Seifenblase schwebe ich durch den Tag, unsichtbar. Die Eingefahrenheit der Menschen will mich verstummen, an dem Treiben nicht teilnehmen lassen. Alles scheint so determiniert, als wären wir nichts weiter als Tiere, die sich dessen bewusst sind und genau daran scheitern. Erst heute saß ich im Bus und ich war mir sicher, exakt diese aufgeschnappten Gespräche so schon einmal gehört zu haben. Denkst du, auch die Musik wird irgendwann einmal an dem Punkt angelangt sein, wo die Töne und ihre Kombinationen erschöpft sind?“ Es fiel mir schwer zu sprechen. 


Sie stand auf, schwebte durch den Raum zu mir, steckte mir die Zigarette zwischen die Lippen. Ich zog zwei mal daran. Mein Husten vertrieb eine Taube vom Fenster, Blut sammelte sich in meinem Mund; zu viel! Ein feines Rinnsal bildete sich, tropfte vom Kinn auf die Hose, vermischte sich mit dem anderen Blut, welches bereits bräunlich eintrocknete.
 

„Ja,“ nahm sie den Faden wieder auf, während sie sich geräuschvoll in den Sessel plumpsen ließ „es gibt nur wenige Wege, dem allem zu entkommen. Wenn sich erst einmal das Bewusstsein um dieses irreale Dasein festgesetzt hat, gibt es kein Zurück mehr. Das Ich strebt weiter hinter die Kulisse, will dem ganzen Spuk entkommen, die Scheiße von oben betrachten oder vergessen.“ Für einen kurzen Moment gingen ihre Worte verloren, flogen ziellos durch den Raum. Ich sah, wie ihr Mund sich bewegte, hörte die Töne aus ihr herauspurzeln aber sie drangen nicht zu mir durch. Mein Blick verengte sich, schwarze Ränder schoben sich von der Seite meines Sichtfeldes heran. Ich schüttelte die drohende Ohnmacht von mir. Ihre Worte waren wieder klar zu vernehmen: „Die Menschen werden immer älter, heißt es, werden von der Medizin künstlich am Leben erhalten, um das Leiden länger auskosten zu dürfen, um Zeugen sein zu können, wie Gehirnzelle um Gehirnzelle unwiederbringlich ausgeknipst wird. Vor uns gähnende Leere, hinter uns auch. Das Nichts ist für die Ewigkeit, unser Dasein ein müder Furz im Strom der Zeit. Schon klar, aber es ist etwas anderes. Eine Truman-Show ohne Sinn, Ausgang oder Abschiedswinken. Kein Entkommen. Oder was denkst du?“ Wieder bemühte ich mich um eine Antwort. Satttdessen blubberten rote Bläschen aus meinem Mund, ließen mich innehalten. Ich muss ausgesehen haben, wie ein Kind, das das Schokocreme-Versteck fand, als die Schatten aus meinen Augenwinkeln wieder auftauchten, sich wie zwei schwarze Wände auf mich zuschoben, mich in den Schlaf wiegten.
Wie sie die Beine in die andere Richtung übereinanderschlug und sich eine neue Zigarette fischte, bekam ich schon nicht mehr mit.



II

Der Himmel sah bereits aus wie ein von innen beleuchtetes Hirn, als sie die Augen öffnete.Weder bemerkte sie, wie die Schatten länger wurden, noch wie das Blut ihre Füße wie zwei Felsen umspülte und kryptische Schriftzeichen auf den Boden malte. Ihr Blick fiel auf die abgebrannte Zigarette zwischen ihren Fingern. Die Asche war noch am Stück. "Herzlich willkommen im Land der Raketenwürmer" blitzte bei dem Anblick durch ihren Kopf und ließ sie müde lächeln.
Sie betrachtete ihren Gegenüber. Sein Kopf war auf die Brust gesunken, war die Quelle des roten Stromes, welcher schon durch das halbe Zimmer reichte. Erst jetzt fiel ihr das Bild an der Wand hinter ihm auf. Als hätte er den Ausstellungsdruck, der mit dem Rahmen mitverkauft wurde einfach drin gelassen: 2 Segelschiffe auf hoher, ruhiger See, blauer Himmel.
Fast schon wollte er ihr leid tun, aber das Letzte was sie aus seinen Augen zu lesen glaubte, war Vertrauen. Sie hatte so etwas noch nie zuvor erlebt. Er muss sehr einsam gewesen sein, klammerte sich bis zu letzt an den Strohhalm, welchen er glaubte in ihr gefunden zu haben.
 

Sie griff sich eine neue Zigarette, erhob sich und öffnete ein Fenster. Der Wind schnitt scharf durch das Zimmer. Die sich ausbreitende Kälte war ihr bester Komplize. Es würde Wochen dauern, bis den Nachbarn auffallen würde, dass sie den ruhigen jungen Mann aus der 12 schon lange nicht mehr sahen. Ohne weiter nachforschen zu müssen, war ihr bewusst, dass es niemanden in seinem Leben gab, der ihn vermissen würde. Ein in der Anonymität der Hochhaussiedlung Gestrandeter, der keine Spuren im Leben hinterließ. Fast schon beneidete sie ihn darum, diesen hässlichen Klotz von Mann, wie er ungestreift durch dieses Dasein kam und zu guter Letzt noch einen Funken dessen erahnen durfte, was er immer zu finden erhoffte. Ekel stieg in ihr auf. Hektisch griff sie sich ihren Mantel, machte dass sie wegkam. Das Leben war noch nie zuhause in dieser Wohnung.
 
Erst vor der Tür erlaubte sie sich wieder zu atmen, sog gierig die kalte Nachtluft ein, fühlte sich besser. Etwas hatte sich verändert. Es war nicht mehr dasselbe. Die Befriedigung, das wusste sie bereits jetzt, würde nicht so lange anhalten wie sonst. Es konnte nicht nur daran liegen, dass dieses mal das Spiel mitgespielt wurde, sich jemand vertrauensvoll bis zuletzt zeigte. Das war es nicht, sie tötete nicht, um flehende Gesichter, um Gnade winzelnde Münder und brechende Augen zu sehen. Sie sah das immer als notwendiges Übel, als Stein auf ihrem Weg, nicht als Kitzel. Es musste etwas anderes sein, das ihr Dinner zur Happy Meal werden ließ.
 
Ihr Auto stand ein paar Straßen weiter, die Scheiben bereits zugefroren. Jemand hatte ein Herz auf ihre Windschutzscheibe gemalt. Und weil sie keine mehr haben, malen sie welche. Dieser Planet war nicht der ihre. Alle reden sie von der Liebe, verstehen nichts davon. Irgendwo hatte sie mal gelesen, das Gegenteil der Liebe wäre nicht der Hass, sondern die Gewöhnung und dass Liebe und Hass ihren Ursprung in der selben Hirnregion haben. Alles Mist, so etwas wie Liebe existiert nicht. Die Lust gibt es, die Leidenschaft vielleicht, aber nicht die Liebe. Es würde sie nicht wundern, wenn sie irgendwann in der Zeitung lesen würde: „Hey Leute, es war alles nur ein Spaß, die Liebe ist eine Erfindung der Blumenverkäufer und eigentlich sowieso von den Nazis“
 

Langsam gleitete ihr Auto durch die verschneiten Straßen. Anhand der komisch blinkenden Ampelkreisel oder wie diese Dinger auch immer heißen mögen, die man in die Fenster hängt, erkannte sie, dass es pfeilschnell gen Weihnachten zuging. An den Weihnachtsmann glaubt doch auch niemand Erwachsenes, also sollte es doch auch nur eine Frage der Zeit sein, bis die Illusion der Liebe auch dran kommt. Auf den Bussen wird dann vielleicht nicht mehr „Probably there is no god“ sondern „Probably there is no love“ stehen. Die Menschen spüren es bereits, fragen sich immer wieder auf’s Neue, was diese Person neben ihnen im Bett verloren hat, wieso sie es erdulden, dass jemand jeden Morgen den Kaffee kalt werden lässt, ihren Joghurt wegfrisst und die Bude mit Qualm vollstinkt. Sie machte sich da jedoch keine Sorgen, Fatalisten fand sie zum Schießen, nein, dies ist vielleicht der richtige Weg zum Menschssein, die Reise zum Mittelpunkt der Wahrheit.
Als sie den Gedanken zu Ende dachte, beschleunigte sie, ließ ihren Wagen um die Kurven driften, fühlte sich befreit, selbst von der Befriedigung, der tiefen Trance, welche ihren Körper immer noch zwischen Beben und vollständiger Entspannung gefangen hielt.

 
Sie fuhr eine Weile ziel- und planlos durch die Nacht, genoss die freien Straßen. Die Stadt wirkte wie verlassen. Anscheinend hatte sie die Zeit erwischt, in der die Bars schlossen, die Nachtschwärmer in irgendwelchen Betten landeten, die Busse noch nicht wieder begannen zu fahren. Diese Minuten sind magisch, die wirkliche Reibefläche zwischen Tag und Nacht, die wahre Geisterstunde.
 
Drei Wochen vergingen. Sie lebte, als würde sie durch Sirup schwimmen, stand meistens erst tief in der Nacht auf, schlenderte durch die Stadt. Sie mochte die Reklame-Schilder,welche eine Wärme suggerieren, wo keine ist, die Umgebung in ihr Neon-Licht hüllen. Gerne verbrachte sie ihre Stunden auch in einem der vielen Pornokinos. Sie mochte den Anblick von überlebensgroßen Geschlechtsteilen auf der Leinwand, liebte es unter diesen einsamen Menschen zu sitzen. Anfangs schnappte sie sich die Kerle direkt von den Sesseln weg, war jedoch schnell gelangweilt von ihnen und teilweise schockiert. Dann begann sie die Atmosphäre in den Kinos zu schätzen, den widerlichen Geruch nach eingetrocknetem Sperma, den giftig-sauren Schweiß, der in den Polstern hängt. Sie mochte die absurde Lautstärke der Filme, das monotone, raßende Klatschen der Körper, welche auf der Leinwand aufeinander prallten. Nirgendwo sonst wurde sie so in Ruhe gelassen wie dort. Die Kinos waren ihre Refugien.
 
Heute aber mied sie diese, beachtete auch die Reklame kaum. Sie war auf der Suche, pirschte durch die Straßen, bis sie vor ihrem Ziel stand. Ein stickiger Club, wie es sie in in dieser Stadt in Masse gab. Vor der Tür drängelten sich die Menschen. Die Türsteher waren nur dazu da, eine Exklusivität der Lokation herbei zu halluzinieren und um das Geld einzukassieren. Sie stellte sich in die Reihe, zündete sich eine Zigarette an, betrachtete die Menschen um sie herum. Schnell war ihr klar, dass es sich um eine der typischen Indie-Kneipen handeln musste. Neben vor und hinter ihr das typische Klientel, hauptsächlich Studenten, deren Einzigartigkeit sich in ihrem Konsumverhalten ausdrückt. Vor ihrem inneren Auge sah sie die Playlist des Djs und es schauderte sie. Früher besuchte sie auch solche Clubs, war eins von den vielen Mädchen, die jetzt vor ihr in der Reihe standen, sich stundenlang auf den Abend vorbereiteten als ging ’s darum die Welt zu retten und dabei noch gut auszusehen. Was machte sie hier?
 
Eigentlich mochte sie Musik. Sehr sogar. Bis sie irgendwann feststellte, dass Musik von Menschen gemacht wird. Sie fand mehr Wahrheit in den Kinos als in einem Song. Musik ist kein Mittel, um sich auszudrücken, sondern nur eine weitere Leinwand, auf der man sich entwirft, Ausdruck dessen, was sein soll, wie man sich selbst gerne hätte, ein weiteres Stützrad der eigenen Existenz und Wahrnehmung. Musik ist so wahrhaft wie ein Profil auf einem der vielen sozialen Netzwerke. Sie versuchte die aufkommende Übelkeit runterzuschlucken, daran zu denken, weswegen sie hier war, die Gefühle heraufzubeschwören, wegen denen sie das alles machte. 

Sie rückte näher auf das Hämmern der Bässe zu und sollte rechtbehalten. Einer der Songs, welche sie vor ihrem inneren Auge sah, wurde gespielt. Aber irgendwie beruhigte sie sich dadurch doch, die Berechenbarkeit gab ihr Sicherheit.
Der Türsteher war ein offensichtlicher Hohlkopf und auf Speed. Die Taschen voller Kaugummis, welche er in rasender Geschwindigkeit zermalmte, um nicht aufzufallen. Sie bezahlte, quetschte sich durch hysterisch-gackernde Gruppen, die ihr Glück nicht fassen konnten, hereingelassen zu werden. Die Bar war schnell gefunden. Nun musste sie sich nur setzten und warten. Die Musik, die auch aus den Boxen über der Bar kam entsprach immer noch der, die sie erwartet hatte. Sie schaute sich um, sah den DJ, welcher tatsächlich auch nicht so wirkte, als hätte er Freude an all dem. Wahrscheinlich wurde ihm irgendwann unterbreitet, dass er sich halt doch als Jukebox fühlen soll, wenn er weiterhin auflegen wolle, dass er ein willenloses Instrument der Publikumswünsche zu sein hat. Er glotzte hohläugig auf den CD-Player.
 

Keine halbe Stunde verging, bis der Typ neben ihr sich zu ihr drehte und fragte ob sie denn öfters hier wäre, denn er hatte sie nie zuvor gesehen. Sie setzte ihr schönstes Lächeln auf, drehte sich ein Stück, um ihn näher betrachten zu können. Lange Haare, ganz in schwarz, ausgefranste Jeans, nicht unattraktiv. Heute entschied sie sich für Bio-Chemie als Studienfach, denn dies war meistens die zweite Frage. Das Gespräch kam schnell ins Rollen. Es stellte sich raus, dass er ein Kumpel des Djs war. Ach! Das Gespräch amüsierte sie. Es bereitete ihr Vergnügen wie sehr ihr Gegenüber darauf bedacht war, immer wieder mal seine Tätowierungen aufblitzen zu lassen, wie er darauf achtete, sich mit seinen Plänen des Urban Gardenings und den Polit-Slogans, die er mal aufgeschnappt hatte, ins rechte Licht zu rücken. Ein Kerl wie ein T-Shirt von H&M. Es war ihr egal. Normalerweiße vergingen vier Wochen, bis sie wieder losziehen musste, bis sie wieder "auffrischen " musste. Dieses mal waren es drei und selbst die Kinos konnten sie nicht beruhigen. Warum sich also nicht einen Snack zwischen den Mahlzeiten genehmigen? Trotz Allem wurde sie schnell gelangweilt durch das Gespräch, brachte den Stein etwas schneller ins Rollen, legte immer wieder ihre Hand auf sein Knie. 

Vielleicht eine weitere halbe Stunde verging, bis sie in seinem Auto saßen, sich mechanisch küssten. Am Spiegel baumelte ein Bild Bob Marleys in einer stilisierten Afrika-Karte, aus den Boxen tönte die Stimme Townes Van Zandt`s.
Sie spürte die kalte Härte des Chloroform-Fläschchens in ihrer Tasche, die Kanten der Box mit den Skalpellen, als Townes sang "Almost burned out my eyes Threw my ears down to the floor. I didn‘t see nothin I didn‘t hear nothin"


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